Tag der offenen Tür – im Jugendknast ohne Gitter

Blick auf den Hainer See: Hier findet Jugendvollzug ohne Gitter statt.

Er ist ein „Löwe“, einer von sechs. Der 19-jährige Max führt die Besucher-Gruppe in ein Wohngebäude, erklärt, dass er mittlerweile schon in dem See schwimmen darf. „Das Vertrauen habe ich mir verdient. Deshalb bin ich auch zum Löwen aufgestiegen.“

Es ist ein sonniger Samstagnachmittag, gefeiert wird 15 Jahre Seehaus in Sachsen. Es soll ein Tag voller Begegnungen werden, und deshalb führen Max und andere junge Männer durch die Anlage. Max ist Strafgefangener.Er lebt hier, idyllisch am Ufer des Hainer Sees gelegen, in einem Gefängnis ohne Gitter.

Vollzug ohne Mauer und Gitter – idyllisch am Hainer See

„Seehaus Leipzig“ heißt das Projekt im Landkreis Leipzig, etwa 25 Kilometer von der Messestadt entfernt. Es gibt hier weder Mauern noch Gitter. Und an diesem Tag, am Tag der offenen Tür, sind nicht einmal die Türen zu den zwei Häusern, den Wohngebäuden am Ufer des Sees, verschlossen. Denn die Heranwachsenden und Veranwortlichen, die hier leben, haben eingeladen, diese besondere Einrichtung des Jugendstrafvollzugs zu besichtigen.

Am Grill: xy, Lars Bergmann und xy

Lars Bergmann steht am Grill. Der amtierende Präsident des RC Chemnitz-Schlossberg glaubt an die Idee dieser Initiative. Er will die Idee weiter in die Gesellschaft tragen und unterstützen – auch wenn mit dem geschäftsführenden Vorstand der Einrichtung, Tobias Merckle, bereits viel Geld und Engagement in der Einrichtung und dem Seehaus e. V. stecken. Tobias Merckle ist im Jahr 1970 in einer Unternehmersfamilie (unter anderem das Pharmaunternehmen Ratiopharm) geboren. Als Sozialunternehmer wurde er bekannt, es ist dem studierten Sozialpädagogen ein Anliegen, eine Alternative zum Jugendstrafvollzug aufzubauen. Im Jahr 2001 hat der gebürtige Schwabe den Verein Seehaus e.V. gegründet. Das erste Seehaus ist in Leonberg im Landkreis Böblingen, entstanden. 2011 folgte ein weiterer Strafvollzug in Sachsen. 

Junge Strafgefangene als Nachbarn: Das konnte sich nicht jeder vorstellen

Die Anwohner waren lange skeptisch, ist zu hören, nicht jeder kann sich vorstellen, junge Strafgefangene als Nachbarn zu haben. Doch das Seefest zeigt: Die Akzeptanz wird größer. Viele nutzen den Tag, um bei einer der Führungen das Gelände zu erkunden und die Wohnungen zu sehen, in denen die jungen Männer leben. Und vor allem versuchen viele, ins Gespräch zu kommen und Einblick in die Arbeit des Seehauses zu erhalten.

„Ich weiß nun, was ich will. Und ich kann mich in ein Team einfügen und für meine Interessen eintreten. Ich habe hier auch positives Selbstbewusstsein bekommen“, sagt Max, der andeutet, dass ihn Gewaltdelikte vor ein Strafgericht gebracht haben. Gefängnis, das bedeutet für sächsische Jugendliche normalerweise Strafvollzug in Regis-Breitingen. Nicht für Max. „Im Gefängnis kannst du mit niemandem offen sprechen. Vertrauen ist ganz schwer. Ich bin sehr froh, dass ich hier im Seehaus gelandet bin, hier arbeiten und leben darf.“

Hauptschulabschluss und Ausbildung: Im Seehaus ist dies möglich

Der Strafvollzug in freien Formen ist eine Besonderheit im sächsischen Justizvollzugsgesetz: Die männlichen Häftlinge leben hier gemeinsam mit Familien, es gilt ein strenger Tagesplan mit ständiger Betreuung. Der Tag beginnt mit Frühsport und Frühstück, auch das Aufräumen muss vor dem Schul- oder Arbeitsbeginn erledigt sein. Wer hier lebt, kann den Hauptschulabschluss nachholen und sich für eine Ausbildung qualifizieren. Es gibt eine Tischlerei und eine Zimmerei, die Gebäude vor Ort haben die Gefangenen selbst gebaut, auch die Grünanlagen haben sie angelegt.

„Geschenkt wird hier niemandem etwas. Aber wir hören zu, wir wollen, dass die Jungs hinsehen, hinhören und mitreden. Das ist das Gegenteil von den ungeschriebenen Gesetzen in den meisten Haftanstalten“, sagt Paul Schneider, der Leiter des Standorts.

„Hinsehen, hinhören und mitreden.“

Statt Gewalt eine positive Gruppenkultur leben, dies soll auch deshalb funktionieren, weil die Mitarbeiter selbst ebenfalls im Objekt leben. Auch Paul Schneider ist einer der Hausväter. Auch er führt eine Gruppe über das Gelände und betont: Wer gegen die Regeln verstößt, gar gewalttätig wird oder das Gelände ohne Erlaubnis verlässt, hat seine Chance vertan. Wer sich einbringt, das Noten- und Stufensystem mit Ausbildung, Schule und Kurse für sich nutzt, wird mit Lockerunge belohnt. Wer besonders gut mitzieht, kann ein „Löwe“ werden.

Es ist ein System, das auf Integration angelegt ist, erklärt Standort-Leiter Paul Schneider. Es geht um Respekt und die Chance, wirklich wieder neu anzufangen, ein Leben ohne Straftaten zu führen und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wer geeignet ist und einziehen darf, entscheidet die Leitung der Justizvollzugsanstalt in Regis-Breitingen. Nur Sexualstraftäter sind grundsätzlich ausgeschlossen.

Ausstellung mahnt: Keine Straftat ohne Opfer

Das Justizministerium in Sachsen hat bereits festgestellt, dass das Ausbildungsniveau der Seehaus-Teilnehmer höher ist als bei anderen Jugendstrafgefangenen; dies bedeutet auch, dass die Chance, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, höher ist.

Zum Gelingen des Festes tragen auch die Rotarier des RC Chemnitz-Schlossberg bei, Erik Hofmann und Falk Thaßler hören sich um, Gekommen sind auch Jörg Rahnfeld (RC Leipzig) und Governor Elect Sven Rössel (RC Leipzig). Gemeinsam mit Lars Bergmann stehen Michael Mißlitz (RC Kühlungsborn-Bad Doberan) und Robert Härtel (RC Chemnitz-Schloßberg) am Grill. Der Duft der Grillwürste, übrigens gesponsort von Robert Härtel,  zieht über den Platz, während zahlreiche Gäste aus Politik und Verwaltung zum Jubiläum gekommen sind. Später hält der Seehaus e. V. auf seiner Homepage nicht ohne Stolz fest, dass gleich mehrere Bürgermeister gekommen sind: Pascal Nemeth (Rötha),  Thomas Meckel (Neukieritzsch), Oliver Urban (Borna) sowie der Landrat des Leipziger Landes Henry Graichen und der ehemalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Auch sie informieren sich in Rundgängen über das Projekt.
Doch keine Straftat ohne Opfer: Im „Pavillon der Gerechtigkeit“ ist die Ausstellung AUF-Bruch zu sehen – sie ist in Zusammenarbeit mit der Opferhilfe Sachsen e.V. entstanden und hat die Erfahrungen von Menschen sichtbar gemacht, die Opfer von Gewaltstraftaten geworden sind.
Gelebte Verantwortung, Gerechtigkeit und Verantwortung. Ist der Jugendstrafvollzug in freier Form erfolgreich, ist dies nicht weniger als die beste Prävention für die Gesellschaft.
Text und Fotos: Ulrike Löw