„Wenn ich traurig bin oder mir scheint, dass die Welt ungerecht ist, erinnere ich mich an die Worte von Frau Stasia: „Das Leben ist wie eine Straße – es biegt in verschiedene Richtungen ab, mal nach oben, mal nach unten.“
„Du musst dich zusammenreißen!“ hat Solomia, 11 Jahre, über ihren Text geschrieben. Ihr Wunsch, ihre Aufforderung an sich selbst findet sich in der Sammlung: „Tales of the braves“. Enthalten sind in diesem 133-Seiten-starken Band „Geschichten der Mutigen“.
Mädchen und Jungen schildern ihre Erinnerungen und ihre Hoffnung
All die Erzählungen stammen von Kindern und Jugendlichen, die den Krieg in der Ukraine erlebt und nun ein neues Leben in Polen begonnen haben. Die Mädchen und Jungen schildern ihre Erinnerungen, ihren Schmerz, ihre Freundschaft, ihre Hoffnung, ihre Liebe zur Heimat und ihre ganz eigene Entdeckung einer neuen Welt. Illustriert ist das Buch mit Zeichnungen der Kinder und Jugendlichen, die diesen Erzählband selbst gefüllt haben.
„Kaufen kann man dieses besondere Werk nicht“, erläutert Reinhold Meier, der beim Rotary Club Görlitz für den Internationalen Dienst steht. Nach einem Beschluss des gemeinsamen Jugendrats des Europarats vom Oktober 2022 hatte die europäische Jugendstiftung eine Sonderausschreibung zur Unterstützung junger Menschen aus der Ukraine gestartet. Gefördert wurden unter anderem internationale Projekte, wie die „Geschichten der Mutigen“, umgesetzt wurde es durch die Stiftung für ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung, „Windmill Tree Foundation“ im polnischen Jelenia Góra. Reinhold Meier: „Tetiana Kartseva vom Rotary Club Jelenia Góra hat das Projekt umgesetzt. Der Rotary Club Görlitz hat eine Buchvorstellung organisiert und unterstützt nun die Verbreitung des Buches, möglichst gegen Spenden.“
Die Idee des Projekts war, die soziale Isolation junger Menschen zwischen neun und 15 Jahren aus der Ukraine, die sich in der Region Jelenia Góra in Polen aufhalten, aufzubrechen. Das Projekt sollte Jugendarbeit wie Workshops, Kunsttherapie, Geschichtenerzählen und Zeichnen anbieten, nun steht am Ende ein Geschichtenbuch, geschrieben und gezeichnet von Jugendlichen und symbolisiert in ganz besonderer Weise das Gemeinschaftsgefühl.
„Ich träume davon, mein eigenes Gedicht auf Polnisch zu schreiben!“
Nicole, 15 Jahre, hält fest: „In jeder Zeichnung steckt ein Stück Seele! Die Farben verloren ihre Schattierungen, die Bleistiftmine brach, und es war, als hätte mir jemand die Luft zum Atmen genommen. Aber ich begann wieder zu zeichnen – und meine Welt bekam ihre Farben zurück.“
Jurko, 9 Jahre: „Ich gewinne Wettbewerbe! Ich, ein Junge aus der Ukraine, gewinne Wettbewerbe in der polnischen Sprache! Und ich träume davon, mein eigenes Gedicht auf Polnisch zu schreiben.“
Dmytro, 14 Jahre, träumt einen Hund herbei, einen kleinen, kräftigen Corgi, mit einem Fell, rot wie ein Fuchs – siehe das gezeichnete Bild oben. Er ist „Corgi – der Retter! Und plötzlich, aus dem Chaos – ein Corgi namens Bobby. Er verlor nicht die Fassung. Er hat uns gerettet. Seine Pfote öffnete die Luke und wir folgten ihm in die Dunkelheit. Und dann traten wir ins Licht.“
„Aber halt. Konnte das wirklich wahr sein?“
Varvara, 12 Jahre: „Meine Geschichte über die Reise nach Polen begann ganz unerwartet – so wie bei vielen Menschen, die in der Ukraine ein normales, ruhiges Leben führten. Der Krieg kam plötzlich – bis zum letzten Moment konnten wir es nicht glauben. Alle bereiteten uns irgendwie darauf vor, erklärten, wie man einen Notfallrucksack packt, was man im Falle eines Krieges dabeihaben sollte. Aber halt. Konnte das wirklich wahr sein?
Am 24. Februar verstand und fühlte jeder von uns. Es ist wahr. Der Krieg kam unerwartet. Kann so etwas überhaupt möglich sein?
Und doch heulten die Sirenen unaufhörlich und schrien vom Krieg. Mein Vater wurde schon ein paar Tage vor Kriegsbeginn aus dem Urlaub zurückgerufen – er war bereits an der Front.
Meine Mutter sprach kaum noch, sie weinte ständig. Wenn die Sirenen losgingen, rannten wir alle – Oma, Opa, meine ältere Schwester Lera, Mama und ich – in den Keller und blieben dort, bis der Alarm aufgehoben wurde. Vom vielen Sitzen im Keller bekam ich Husten.
Papa rief manchmal an und flehte uns an, nach Europa zu fliehen. In unserer Stadt wurde ein Evakuierungszug nach Lwiw organisiert. Mit
einem dieser Züge fuhr unsere Familie, aber Oma und Opa blieben zurück.
Als wir uns verabschiedeten und ins Auto stiegen, das uns zum Bahnhof bringen sollte, sah ich sie an – alt und verloren, wie sie Hand in Hand
dastanden. Am Bahnhof konnte ich immer noch nicht glauben, dass ich wirklich meine Stadt verlasse – den Ort, an dem ich gelernt, Freunde gefunden und in der Nähe meiner Familie gelebt hatte. Es war sehr schwer und traurig.
„Wie sollen wir das schaffen?“
Der Zug kam, und wir nahmen unsere Plätze ein. Die Fahrt schien endlos. In Lwiw traf uns die Ausgangssperre. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Zum Glück hatte meine Schwester eine Bekannte, die uns für die Nacht aufnahm. Dort bekamen wir etwas zu essen, und ich konnte endlich schlafen – zum ersten Mal seit Langem ohne Sirenen.
Am nächsten Tag kauften wir Tickets nach Wrocław, wo mein Onkel (der Bruder meines Vaters) auf uns wartete. Im Bus gaben uns Freiwillige während der Pausen Essen und halfen uns bei allem, was wir brauchten. Eine Stunde vor der Ankunft in Wrocław rief mein Onkel an und sagte: „Ihr müsst nach Jelenia Góra fahren. Dort gibt es viele Freiwillige, sie werden euch helfen.“
Mama bekam Angst: Wir sind in einem fremden Land, wir sprechen die Sprache nicht – wie sollen wir das schaffen?“








