Die Erfolgsstory, die hinter einem Rotary-Meeting im Entsorgungsunternehmen steckt

ICE Meeting beim Entsorger: Reiner Polzer, Stefan Böhme, Ralf Holtzwart, Jutta Crasser, Winfried Sachs, Matthias Presch und Armin Mack.

Sie landen sonst im Müll oder im Pfandautomaten – doch diese 351.000 Deckel werden Gutes bewirken: Die RCs Nürnberg-Reichswald, Nürnberg-Neumarkt und Fürth haben in einer gemeinsamen Aktion diese beeindruckende Anzahl an Plastikdeckeln nach Rehau in Oberfranken geliefert.

Aber von Anfang an. In Rehau nahe Hof betreibt Stefan Böhme (RC Hof-Bayerisches Vogtland) sein Entsorgungsunternehmen. Hier hängt ein großes Poster in der Halle, ein Baby lächelt einem entgegen, EndPolioNow ist zu lesen, auf die Internetseite www.abdrehen-gegen-polio.de wird verwiesen.

Mit kleinen Dingen Gutes bewirken

Und die Rechnung geht so: Kleine Plastikdeckel von Flaschen bestehen aus hochwertigem Kunststoff, der recycelt werden kann. Zwei Gramm etwa wiegt eines dieser Deckelchen. Um sie an die Industrie weiterzuverkaufen, werden sie von Hand sortiert und zu Granulat vermahlen. Die Einnahmen aus dem Verkauf des Kunststoffes kommen PolioPlus zugute. Und so entsprechen 351.000 Deckelchen umgerechnet 3.705 Schutzimpfungen, wenn mit 30 Cent Kosten pro Impfdosis kalkuliert wird und die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung diese Spende verdreifacht.

Aber: Ist Rotary nicht dafür bekannt, die Polioviren praktisch ausgerottet zu haben?

 

Birgit Schleicher, Polio-Beauftragte im Distrikt 1880 mit einem Polio-Betroffenen.
Birgit Schleicher, Polio-Beauftragte im Distrikt 1880 mit einem Polio-Betroffenen.

Fast. Das Engagement ist weiterhin dringend nötig, wie Apothekerin Birgit Schleicher (RC Bautzen/Budysin) betont. Sie hat Medizin und Pharmazie studiert, engagiert sich als Polio-Beauftragte im Distrikt 1880 und erinnert regelmäßig daran, dass in deutschen Großstädten wieder Polioviren im Abwasser entdeckt wurden.

Und diese Funde machen es laut dem Robert-Koch-Institut wieder zunehmend wahrscheinlicher, dass Polioviren zwischen Menschen übertragen werden. Erwachsene, aber vor allem Kinder, die nicht oder nicht vollständig gegen Polio geimpft sind, könnten sich mit derartigen Viren anstecken und in seltenen Fällen an Poliomyelitis erkranken.

Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die Viren auch in Deutschland auf ein ungeimpftes Kind treffen, weil die Erreger auf der Türklinke einer öffentlichen Toilette landen?

Und wie bremsen wir die Viren aus? Um weitere Spenden für Impfungen zu sammeln, lief im Distrikt 1880 eine Challenge, viele Clubs haben Geld überwiesen – allein der RC Hof-Bayerisches Vogtland hatte 7.962 Euro überwiesen.

Und damit sind wir wieder an der Kunststoffmühle bei Stefan Böhme: Seit dem Jahr 2020 hat der RC Hof-Bayerisches Vogtland die stolze Summe von 19.150 Euro für EndPolioNow gespendet -und nicht nur die oberfränkischen Clubfreunde sammeln fleißig Deckelchen.

Jüngst, so schildert Stefan Böhme, habe er 16 Tonnen Deckelchen zu Granulat verarbeiten können und für 475 Euro pro Tonne verkauft – dieses Geld floss direkt als Spende weiter.

Weitersammeln, lautet der Appell

Und manchmal wird aus einer „rotarischen Lieferung“ auch gleich ein ICE Meeting, wie erst jüngst geschehen.

Und das kam so: In Neumarkt i. d. Oberpfalz hatte die Firma Dehn seit dem Jahr 2019 Lagerflächen für die Sammlung von Deckeln zur Verfügung gestellt, der RC Nürnberg-Neumarkt warb für die Sammelstelle, schildert PDG Sabina Gärtner-Nitsche. Auch der RC Nürnberger Land und der RC Fürth begeisterten sich für die Aktion, die Mitglieder sammelten eifrig mit.

Für Ralf Holtzwart (RC Nürnberg-Reichswald) war es Ehrensache, den Transport nach Rehau zu begleiten.
Für Ralf Holtzwart (RC Nürnberg-Reichswald) war es Ehrensache, den Transport nach Rehau zu begleiten.

Als Ende 2025 die Lagerstelle in Neumarkt schließen musste, waren zwar etwa 700 Kilo an Deckeln da – doch nun mussten sie auch wieder weg und idealerweise zu Stefan Böhme nach Oberfranken.

Armin Mack (RC Nürnberg-Reichswald) fuhr mit einem 7,5-Tonner nach Rehau - um Plastikdeckel abzuliefern.
Armin Mack (RC Nürnberg-Reichswald) fuhr mit einem 7,5-Tonner nach Rehau – um Plastikdeckel abzuliefern.

 

Doch besagte 351.000 Deckel, umgerechnet sechs Paletten, transportiert man nicht so eben im Kofferraum. Dass sie es bis zu Böhmes Recyclingunternehmen schafften, ist einem funktionierenden rotarischen Netzwerk zu verdanken: Denn tatkräftige Hilfe kam von Ralf Holtzwart und Armin Mack aus Nürnberg.

 

Zwei Nürnberger Rotarier: Mission im 7,5-Tonner

Armin Mack mietete einen Lastwagen, gewann Ralf Holtzwart als Beifahrer und mit dem 7,5 Tonner ging es von Nürnberg zu „entsorgen.de“ nach Rehau.  Vor Ort hieß es dann: Hier bedient sie der Chef persönlich.

Stefan Böhme versichert, er freue sich immer sehr über Besucher aus dem rotarischen Universum, besonders dann, wenn sie auch noch Deckel anliefern.

In diesem Fall organisierte er auch noch ICE Meeting und so trafen Stefan Böhme selbst, seine Clubfreunde Reiner Polzer, Jutta Crasser, Winfried Sachs (RC Hof-Bayerisches Vogtland) sowie Matthias Presch (RC Hof-Bayern) mit Ralf Holtzwart und Armin Mack  (RC Nürnberg-Reichswald) auf einen Kaffee zusammen, während die Deckel abgeladen wurden.

ICE Meeting beim Entsorger: Reiner Polzer, Stefan Böhme, Ralf Holtzwart, Jutta Crasser, Winfried Sachs, Matthias Presch und Armin Mack.
ICE Meeting beim Entsorger: Reiner Polzer, Stefan Böhme, Ralf Holtzwart, Jutta Crasser, Winfried Sachs, Matthias Presch und Armin Mack.

 

 

 

 

 

 

 

Mission impossibe? No. Mission completed.

Stefan Böhme lud gleich mehrere Club-Freunde ein - zum Anpacken und Kennenlernen.
Stefan Böhme lud gleich mehrere Club-Freunde ein – zum Anpacken und Kennenlernen.

So waren es einmal mehr die kleinen Dinge bzw. Deckel, die Gutes bewirkten: „Eine gute Chance, sich zu kennenzulernen“, sagt Stefan Böhme.

Doch ein bitterer Wermutstropfen bleibt: Es klingt alles ganz leicht – aus den Plastikdeckeln, die sonst im Müll oder im Pfandautomaten landen, wird plötzlich etwas Gutes.

Aber leider gibt es gerade einen kleinen Haken. Unter anderem weil die Preise für Sekundärrohstoffe wie Polypropylen zuletzt deutlich gesunken sind, ist der Absatz schwierig. „Die Recycler sind ein wenig in der Krise“, erklärt Böhme. Die Firma, die zuletzt seine Deckel bzw. das Granulat abgenommen hat, zahlt mittlerweile drauf, Neuware sei günstiger.

Das Granulat braucht einen neuen Abnehmer:  Industriebetrieb gesucht!

Doch angesichts der steigenden Ölpreise könnte sich der Wind wieder drehen, und Recycling, davon ist Stefan Böhme überzeugt, sei essenziell, um natürliche Ressourcen zu schonen.

Ihm ist es ernst, das zeigt nicht nur sein Engagement für Polio. Er will schon von Berufswegen Abfälle in wertvolle Recyclingrohstoffe verwandeln. Er investiert in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft – in seinem Betrieb wird die Sortieranlage mit dem eigenen Strom aus der PV-Anlage betrieben, die Fahrzeuge werden allesamt mit synthetischen Dieselersatz aus altem Speisefett betankt. Seine Sortieranlage ist der zweitgrößte für Verpackungsabfälle aus den Gelben Säcken und Tonnen in ganz Bayern, er bedient einen Einzugsbereich von rund 4 Millionen Menschen.

Und damit hier auch das Projekt „Abdrehen – gegen Polio“ weiterlaufen kann, ist er gerade auf der Suche nach einem neuen Industriebetrieb, der ihm das Granulat abnimmt. Wer einen Tipp hat, bitte per E-Mail an: stefan.boehme@entsorgen.de